Über die Bildungsstätte Novalis Hochschulverein

Geleitwort von Herbert Witzenmann (1986)

Eine Initiative „zur Bildung eines zeitgemäßen Hochschulbewußtseins“ hat sich (mindestens) zweifach zu rechtfertigen. Sie muß sich gegen andere Formen dieses Bewußtseins abgrenzen. Denn es muß verständlich sein, inwiefern diese in ihrer Sicht als nicht oder nicht mehr zeitgemäß erscheinen. Sie muß ferner ihr eigenes Ziel als ein von der Zeit gefordertes und in ihrem Rahmen dringliches kennzeichnen.

Zu dem Thema des Unterschieds seien (fern der Vollständigkeit) nur wenige Beispiele gegriffen. In der Epoche, die in Mitteleuropa durch Klassik und Idealismus illuminiert wird, war die Begegnung mit den großen Repräsentanten der Bildungshöhe der Magnet, welcher die Stätten der Forschung und Lehre am meisten auszeichnete. Die Originalitätserfahrung kam dem interesselosen Wohlgefallen sehr oft nahe. Heute wollen die Schüler der Berühmtheiten ihr Fortkommen sichern oder mit ihnen fortkommen, falls das Unwahrscheinliche geschieht, daß sich ein solcher Zugang öffnet. Das Humboldtsche ästhetisch universalistische Humanitätsideal ist sehr fern gerückt. Der antielitäre Zugang und Zudrang zu einer staatlich verwalteten Durchschnittstauglichkeit im Interesse des Erwerbs eines mehr quantifizierten als qualifizierten Glückes ist das herrschende Leitbild der modernen Massenuniversität.

Zeitgemäße Grundforderung ist dagegen die Einsicht, daß wir eine neue Bewußtseinsart gewinnen müssen. Daß diese weder elitär, noch antielitär sein könne, sondern ein sich in Gemeinschaften bildendes individuelles Ideal sei, gilt es zu begreifen. Dies sei im Blick auf die beiden großen Bedrohungen, die Lebens- und die Sinn(verlust)bedrohung, erklärt.

Lebensbedroht sind wir durch selbstvernichtenden Vernichtungsscharfsinn, durch selbstberaubenden Raub, aber auch durch einen (allmählich wankenden) Wissenschaft(aber)glauben, welcher das Lebendige aus dem Unbelebten zu erklären vermeint. Sinnbedroht sind wir durch den nihilistischen Wissens- und Willensmaterialismus, durch die Auslieferung an einen Zufallsmechanismus oder ein anderes angeblich „selbstorganisierendes“ Weltsystem, welches dem Menschen keine selbstbestimmende Freiheitsstellung einräumt. Zwischen diesen beiden Schlünden wird die heutige Menschheit durch die Zwangsläufigkeiten der finanziellen, der sozialen und der Vertrauenskrisen hin- und hergerissen.

Ein zeitgemäß neues Hochschulbewußtsein kann (wenigstens in seinen Ausgangsstadien) nicht die Darstellung elitärer Leistung zu seiner Hauptaufgabe haben, - wiewohl es ihrer fördernden Anregung, ohne die kein Fortschritt vorandringt, nicht entraten kann. Es kann aber auch nicht zur antielitären Sicherung des Überlebens beitragen, die ohne einen übergeordneten Richtwert sinnlos ist.

Die Aufgabe eines zeitgemäßen Hochschulbewußtseins und der ihm gewidmeten Bestrebungen wird vielmehr ein Gewinn sein, der heute noch vielen fern erscheint. Und dennoch kann sich kein Einsichtiger davor verschließen, daß die ungeheuren ökologischen, sozialen und wissenschaftlich-technischen Veränderungen, die wir zwar ausgelöst haben, die uns nun aber unaufhaltsam vor sich hertreiben, von uns ein neues Bewußtsein fordern. Dieses wird in Gemeinschaften erkennend geübt werden müssen, damit aus neu gegriffenem Sinn neue Zielsetzungen und Lebensgewohnheiten entstehen können, welche die Kraft besitzen, die tief eingewurzelten antisozialen Triebfedern des Materialismus zu verwandeln. Wissenschaftlich wiedererrungener Gemeinsinn und sinneingebettetes Handlungsvermögen - diese Formen wiedergewonnener Selbsterkenntnis und Selbstdarstellung sind es, welche den Inhalt eines zeitgemäßen Hochschulbewußtseins bilden sollen.

Was im weitesten Aufgabenumfang mit Sorgfalt und Ausdauer erarbeitet werden muß, kann hier nur mit flüchtiger Andeutung umrissen werden. Doch könnte es zunächst für die vom Gewohnheitszwang befreite seelische Beobachtung unseres Erkenntnisverhaltens und der Entstehung unserer Bewußtseinsinhalte ein beinahe Naheliegendes sein. Denn die voraussetzungslose Durchdringung alles jenen, das wir bewußt erfassen, enthüllt die Irreleitung durch die materialistische Suggestion. Will uns diese doch glauben machen, die Einzelheiten und Zusammenhänge der Welterscheinungen seien uns in gleicher Weise vorgegeben und unser erkennendes Verhalten sei ihnen gegenüber in seiner Objektivität durch seine in beiden Fällen gleichartige Rezeptivität oder Äquivalenz charakterisiert. Die an der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners orientierte moderne strukturphänomenologische Forschung führt indessen zu dem Ergebnis, daß alles Ganzheitliche, also aller Zusammenhang in Gestalt und Bewegung, nicht unserer wahrnehmenden Entgegennahme korrespondiert. Daß wir seiner vielmehr nur durch erzeugende Mitbeteiligung denkend innewerden. Denn beide (und damit überhaupt alle) Ganzheiten, Gestalten und Bewegungen, sind nicht wahrnehmbar, sondern nur denkbar. Sie sind aktive, doch innerhalb eines übersubjektiven Zusammenhangs in der Form individueller Selbstbestimmungen mitvollzogene Hinzufügungen zum Wahrnehmlichen. Daher sind wir den in Raum und Zeit ausgebreiteten gestaltenden und bewegenden Formkräften nicht als bezwungene und sich wehrende Fremdlinge ausgeliefert: wir begegnen ihnen als den Verwandten unseres tätig einsichtigen Geistes, der sich zwar seiner Verwandtschaft, doch auch der einzigartigen Verwandlung der universellen zu individuellen Kräften bewußt wird.

Hieraus ergibt sich Entscheidendes. Es kann hier nur in wenigen Merkmalen verdeutlicht werden. Das Wissen um den aktiven, miterzeugenden Anteil des Menschen an den Welterscheinungen verleiht ihm mit der Einbettung in die Wirklichkeit auch Sinnverständnis. Denn er gliedert mit seiner Selbstgestaltung der Welt ein neues Element ein. Er begreift seine Existenz, eben weil er sie geistig nur selbst begründen kann, als eine unwiderleglich begründete. Er erfährt sich nicht als das Eindrucksgebilde der Kausalzwänge, sondern als den Schöpfer seines Wesensausdrucks. Dies entscheidet über Aufgabe und Eigenart zeitgemäßer Wissenschaft. Nicht nur wird die aus dem Ausdruckswesen des Menschen schöpfende Ästhetik die Wissenschaft der Zukunft, sondern die Ästhetik wird auch die Zukunft der Wissenschaften sein. Ist doch deren Ästhetisierung (ihre Fortbildung zu Wissenschaften der menschlichen Ausdrucksteilhabe an den Welterscheinungen) Aufgabe des hier vertretenen zeitgemäßen Hochschulbewußtseins.

Über diesen Merkmalen erhebt sich die Grundforderung der Zeit: die Bildung eines neuen Bewußtseins, einer neuen Sinngewißheit. Ihr das Primat zuzuerkennen, welches die Rangordnung aller anderen Maßnahmen bestimmt, wird heute noch vielen schwer fallen. Doch ist gerade diese Einsicht und ihr konsequentes Verfolgen die größte Anstrengung, die wir uns abverlangen müssen. Umwelterhaltung und -erneuerung, Landwirtschaft, Medizin, Pädagogik, Vermenschlichung der Arbeitswelt, Neuordnung des Geldwesens, Friedenssicherung sind gewiß Elemente unseres Lebens und Überlebens. Sie können aber zeitgemäß nicht isoliert bestehen, und könnten sie es, wäre nichts gewonnen. Ihnen fällt die Aufgabe zu, die ökologischen, physiologischen und soziologischen Voraussetzungen eines neuen sinngebenden und sinntragenden Bewußtseins zu schaffen. Nicht dieses hat in ihren Dienst, sondern sie in den seinen zu treten. Erst dann auch kann die Stelle des Raubes der tief begründete Dank an die Erde einnehmen. Denn sie ist ein vornehmstes Glied im sich schließenden Kreis der Sinnfindung. Schenkt sie uns doch den Leib, der uns nötigt, aber auch befähigt, die in den leibbedingten Sinnesdaten zerbrochene Welt neu zu erbauen und diesen Neubau als das Fundament unserer Geistgestalt zu festigen.

Sinnbegründeter Dank an die Erde und sinnbegründend selbstbegründende Welterfassung sind die Heil- und Schutzmittel angesichts der beiden größten Gefahren unserer Zeit. Ein zeitgemäßes Hochschulbewußtsein kann jenes Elitäre der Selbsterziehung sein, das innerhalb einer daseinsdankbaren und sinnesgewissen Gemeinschaftfindung das Prinzip einer Zivilisation entstehen läßt. Das neue Bewußtsein wird ein solches Vieler sein, wenn es zunächst auch nur von Wenigen ausgehen kann. Ein zeitgemäßes Hochschulbewußtsein kann einer Gemeinschaft Brot geben, weil es den Sinn des Brotes kennt, der weder Brotschaffen, noch Brotverzehren ist. Denn Brotschaffen und Brotverzehren bedarf seinerseits der ideellen Ernährung, die von der Wiederaufrichtung der umgestürzten menschlichen Geistgestalt ausgeht.

Herbert Witzenmann

 

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