Was für eine Art Blüte ist das Bewußtsein?
Arbeitstagung zu Von Seelenrätseln – einem Jahrhundertwerk Rudolf Steiners Tagung Berlin, 10. 8.-17.8. 2017 

Vom ersten Eindruck eines Menschen überzeugt man sich gern. Es ist nicht nur der ungewohnte Sinnesreiz, der zu uns spricht. Wir ordnen zugleich die Impressionen und lassen seine Formkräfte zu uns sprechen – den Haarschopf, der Stirne und Wangen umfängt und den entquellenden Impulsen von Augen, Nase und Mund ein mehr Ruhendes entgegensetzt. So erleben wir ein ausdrucksvolles Bildgeschehen. In dieses sind wir mit unseren Aktivitätspotentialen, mit Empfänglich- keiten und Tätigkeiten gleichermaßen verwoben. Es ist, für einen Moment vielleicht, der Mittelpunkt eines horizontweit wirkenden Realisationsgeschehens. Wir können ein solches dynamisches Bildpanorama erinnern und nicht nur die vor- stellende Tätigkeit, sondern auch die Sinnesreize weiter verfolgen, die sich damit verbunden haben. Dieser Bewußtseins- und Weltinhalt ist unser seelisches Eigentum geworden, das wir möglicherweise Jahrzehnte in unserem Gedächtnis be- halten können. Rudolf Steiner bespricht die beiden Quellen dieses erkennenden Geschehens in der Schilderung eines an- throposophischen Forschungsweges, der das geistige Wesen des Menschen übersinnlich erfasst, wo es sich im Leibe, in der Sinneswelt offenbart. „Die Blüte dieser Offenbarung“ sagt er an einer Stelle in Von Seelenrätseln, „ist das Bewußtsein, das die Sinneseindrücke in dem Vorstellungsdasein weiter bestehen läßt.“ 

Herbert Witzenmann hat darauf aufmerksam gemacht, dass das Buch Von Seelenrätseln (1917) zu einer Zeit entstanden ist, in der im Westen die Mechanisierung (durch den Einsatz der Panzerwaffe im Ersten Weltkrieg) und im Osten die revo- lutionären Willensimpulse (in der Oktoberrevolution) eine Vertiefung des seelischen Lebens von der Mitte ausgehend er- forderlich machten. Es wurde deutlich, dass die Mitte zwischen West und Ost einen Weg suchen müsse, der zum Wesen des Vorstellungslebens vordringe und den Willen in der Richtung nach innen zur Entwicklung bringe. Das Bewußtsein, das sich zunächst im Zusammen uß beider Ströme zeigt, könnte so zur Grundlage eines übersinnlichen Bewußtseins werden. Heute, da die per de Zuschauerdemokratie eine immer umfassendere Steuerung vor Augen stellt, könnte sich ein Raum tätiger Gestaltung an den Quellorten von Vorstellung und Wahrnehmung öffnen, welche die Beein ussung wirksam hin- tergreift. Klaus Hartmann 

 Die Textarbeit an der Tagung bezieht sich insbesondere auf das Kapitel „Anthropologie und Anthroposophie“ und die zu- gehörigen skizzenhaften Erweiterungen (I-V) am Schluß des Buches Von Seelenrätseln, sowie auf die beiden Einführungs- kurse von Herbert Witzenmann, die in einer Ausgabe durch den Gideon Spicker Verlag abgedruckt sind. (Rudolf Steiner, Von Seelenrätseln. Kommentar von Herbert Witzenmann. ISBN 3-85 704-233-8) Dr. Klaus Hartmann 

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