Ostertagung 12.-17.04.2019

 

 

 

 

 

 

Die Metamorphose der Dreigliederung

Die soziale Frage hat sich vor einhundert Jahren anders gestellt als heute. 1919 war es das Ende des Ersten Weltkrieges, die anhaltende Feindschaft der Länder, das Elend und der Hunger, die ihr das äußere Gepräge gaben. Heute, 2019, scheint es gerade umgekehrt zu sein. In vielen Ländern der Europäischen Union, bis Russland hin, scheinen überbordender Konsum und eine gemeinsame materielle Lebenseinstellung den Gehalt solcher Fragen zu bestimmen. Es scheint die soziale Frage allenfalls noch in der Forderung „Geld für alle“ zu geben, wie der SPIEGEL einen Artikel zum 200. Geburtstag von Karl Marx überschrieb – im Bild des modernen Onkel Dagobert, der beim Sprung in sein Gold Bad noch andere inmitten der Münzen findet. Und die Wendung der sozialen Frage scheint der Untertitel zu markieren: „Wie ein besserer Kapitalismus die Welt gerechter machen kann“. Natürlich hat auch heute die Angst in der sozialen Frage ihren Platz. Es ist nicht nur die Verteilungsge- rechtigkeit, sondern auch das uns offenbar durch Informationstechnologie und Roboter bevorstehende Ende der Arbeit, das uns umtreibt.

„Was machen wir morgen?“ umschreibt die Wochenzeitschrift Die Zeit ein vergleichbares Thema: „Wer in Stuttgart-Sindelfingen am Mercedes- Werk vorbeifährt, sieht eine der größten Baustellen des Landes .... Hier errichtet der Daimler Konzern die Factory 56, die modernste Autofabrik der Welt. In dem neuen Werk werden Roboter so selbständig wie nie zuvor Autos bauen: Jedes Stückchen Blech, das sich einer

 

greift, ist mit einem Funk Chip ausgestattet und wird vollautomatisch durch die Hallen transportiert. Die Maschinen kommunizieren miteinander, planen und verteilen selbständig die Arbeit, fast ohne menschliches Zutun. ... „Wir nennen sie die Fabrik der Angst“ sagt ein Arbeiter. Niemand wisse, wie viele Arbeiter in der neuen Fabrik noch gebraucht würden. Und was Menschen dort noch zu tun hätten.“

Was so die Arbeit Vieler von morgen zu bedrohen scheint, betrifft aber nicht nur ihr Einkommen, sondern auch ihre soziale Teilhabe insgesamt. Denn wenn „Leben und Sinn der menschlichen Arbeit die menschliche Selbstgestaltung“ ist, wie dies Herbert Witzenmann einmal formulierte und zwar „durch die Synthese des individuellen und universellen Elementes, die allen Welterscheinungen zugrundeliegen“, dann ist Arbeit über dem Broterwerb ein menschliches Existenzial, gleichsam der Motor der Wiederverkörperung, weil sie die Fähigkeiten entstehen lässt, mit denen wir uns zukünftig am sozialen Ganzen beteiligen. Haben wir also alles bedacht, indem wir die Welt so ausgerichtet haben, wie sie heute läuft? Dass soziale Organismen dreigliedrig gestaltet werden könnten, hat Rudolf Steiner in seinen „Kernpunkten der Sozialen Frage“ 1919 formuliert: Das Wirtschaftsleben, das Rechtsleben und das Geistesleben sollten eine eigenständige Organisationsform entwickeln und als selbständige Einheiten zusammenarbeiten. Wie modern hätte ein solches Leben werden können?

Herbert Witzenmann hat sich in seinen Vorträgen „Der gerechte Preis“ über eine Metamorphose der Dreigliederung geäußert: „Als die Dreigliederung

 

inauguriert wurde, handelte es sich um eine Situation der allergrößten wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Umbrüche, es war die Zusammenbruchszeit nach dem Ersten Weltkrieg. Da hätte es sich darum gehandelt, die drei Glieder des sozialen Organismus zu verselbständigen und in ihrer Verselbständigung zu einer richtigen Korrespondenz, zu einem Zusammenwirken zu bringen. ... Die Zeit ist weitergegangen, und Rudolf Steiner sagt: Jetzt können wir nicht mehr wie damals sprechen, weil die Zwangsverhältnisse und Automatismen volkswirtschaftlich, politisch und monetär viel, viel weiter fortgeschritten sind, weil die Situation längst nicht mehr so offen ist, wie sie damals gewesen wäre, durch ein unmittelbares Ansetzen in der Dreigliederung des sozialen Organismus den Fortschritt zu finden, sondern wir müssen sehen, wie innerhalb des Wirtschaftslebens diese drei Komponenten, das eigentlich Wirtschaftliche, das Rechtliche und das Geistige, veranlagt sind.“ Rudolf Steiner sagte damals zu den Versammelten des Nationalökonomischen Kurses 1922: „Ich möchte ihnen zeigen, wie man heute nun wiederum über die Fragen zu denken hat, namentlich wenn man jung ist und man noch mitwirken kann an dem, was sich einmal in den nächsten Zeiten gestalten muss.“

Die Tagung will sich in erster Linie mit der Frage der Metamorphose der Dreigliederung, die ganz verwaist zu sein scheint, dann aber auch mit dem Thema der Metamorphose in allen Lebensbereichen beschäftigen.

Dr. Klaus Hartmann 

ZUM PROSPEKT

 

 

 

 

 

 

 

 

© 2019 Novalis Hochschulverein e.V., Kamp-Lintfort - all rights reserved

Webmaster  |  Druckversion  |  Impressum  |  Datenschutz  |  FAfM    top