Novalis Hochschulverein

Interview mit Dr. Klaus Hartmann

Christopher Schümann:
Der Novalis Hochschulverein bietet seit 1986 das „Studienjahr für Geisteswissenschaft und Kunst“ an. Wer waren die Gründungsmitglieder und was war ihr Anliegen?

Dr. Klaus Hartmann:
Die Gründungsmitglieder bildeten einen Kreis um den Erkenntnis- und Geisteswissenschaftler Herbert Witzenmann (1905 - 1988). Es waren, damals noch ohne Titel und Stellung: Dr. Jens Heisterkamp, Ralf Lilienthal, Dr. Ralf Vanscheidt, Klaus Vanscheidt, Bettina Kröner-Spruck, Andreas Durrer, Greet Helsen, Prof. Dr. Marcelo Da Veiga, Dr. Klaus Hartmann, Horst Grineisen und Christina Moratschke-Nüesch. Ich hoffe niemanden vergessen zu haben, denn es waren ziemlich viele junge Leute, die heute, oft in wichtigen Positionen, innerhalb der Bewegung tätig sind.


Unser Anliegen war es, ein den Erfordernissen der Gegenwart und nahen Zukunft angemessenes Hochschulbewusstsein auszubilden. Viele von uns studierten oder waren in künstlerischen Ausbildungen tätig. Da war die Frage echt moderner Bewusstheit im wissenschaftlichen Forschen und künstlerischen Schaffen nahe liegend. Wir waren gemeinsam der Auffassung, dass die von Rudolf Steiner in seiner „Philosophie der Freiheit“ entwickelten Beobachtungsweisen vom Zeitbewusstsein - sehr zum Nachteil - übersehen oder übergangen worden waren.

Rudolf Steiner hat bereits zu seinen Lebzeiten bedauert, dass die „Philosophie der Freiheit“ auch innerhalb der anthroposophischen Bewegung so wenig Beachtung gefunden hat. Wie ist dieses Bedauern aus deiner Sicht zu verstehen?

Der Eigenanteil, den der Leser bei der „Philosophie der Freiheit“ zu leisten hat, ist ein anderer als zum Beispiel bei der „Theosophie“ oder der „Geheimwissenschaft“. Bei den letzteren Büchern steht der aufgewendeten Verständnisbemühung eine inhaltliche Erfüllung durch die Mitteilungen Rudolf Steiners gegenüber. Bei der „Philosophie der Freiheit“ ist dies zunächst nicht in gleichem Maße der Fall. Hier hängen die Trauben höher und lassen sich nur pflücken, wenn man sein Verhältnis zum Denken tatsächlich umgestaltet. Dann ist es ein ganz wunderbares Buch, eine Schulung in reinem Denken, die selbst Katharsis ist und an die Erlebnisse des Geistes heranführt.

Wenn Du zurückblickst auf die letzten 18 Jahre, lässt sich allgemein etwas über die Entwicklung der Teilnehmer durch das Jahr hindurch sagen? Entstehen ihnen neue Fähigkeiten und, wenn ja, wie würdest du sie beschreiben?

Zur Entwicklung der Teilnehmer durch das Jahr und der Ausbildung spezifischer Fähigkeiten lässt sich allgemein sagen, dass kaum jemand vorher die Veränderung absehen kann, die dadurch in ihm vorgeht, dass er die seelischen Beobachtungen selbst zu machen versucht, deren Richtung Rudolf Steiner in seinem Buch angibt. Obwohl darin ein tragfähiges, gesetzmäßiges Element gefunden werden kann, ist es zugleich eine starke Anregung zu Selbsterkenntnis und Selbsteinschätzung. Allerdings auch zu deren Gegenteil, wenn man die unverfälschten Sichtweisen auf die eigenen Unzulänglichkeiten nicht ertragen kann. Die neuen Fähigkeiten entstehen in einer beginnenden Leibunabhängigkeit des eigenen Denkens, die für jede Art des übersinnlichen Schauens - für ein modernes Reinkarnationsbewusstsein, für Einblicke in das Wesen des Menschen und die Entstehung des Kosmos, für eine zeitgemäße Stellung gegenüber dem Christentum und der Religion, für das Leben in der Kunst usw. - neue Horizonte erschließen.

Wenn man die Prospekte des Novalis Hochschulverein in die Hand nimmt, eröffnet sich ein Verständnis des Inhaltes meist erst nach mehrmaligem Durchlesen. Ist das Studienjahr nur für in philosophischem Denken Vorgebildete interessant oder spricht es auch Menschen an, die aus ganz anderen Lebensfeldern kommen. Wie sind da die Erfahrungen der letzten Jahre?

Rudolf Steiner behauptet ja selbst, dass man ohne äußere Bildungsvoraussetzungen, allein mit der nötigen Unbefangenheit ein Studium der Anthroposophie beginnen könne. Allerdings, wer seine Texte in die Hand nimmt, wird sehen, welchen Grad an Bewusstheit und Konstanz der Zuwendung er braucht, um da eindringen zu können. Wenn, wie es unsere Ausrichtung ist, mit dem Studium der Erkenntniswissenschaft der Zugang zur Anthroposophie gesucht wird, dann dürfen die Texte, mit denen man dazu einlädt, durchaus einen Eindruck davon vermitteln, was die potentiellen Teilnehmer da erwartet. Allerdings ist es die Aufgabe der Dozenten, den Teilnehmern Sichtweisen zu vermitteln, die es ihnen erleichtern, ihr seelisches Leben mit dem Anliegen der Seminarfragen zu verbinden. Man sieht dann, auch ohne intellektuelle Vorbildung, worauf es Rudolf Steiner ankommt, und lernt oft mit innerer Bereitschaft die Werkzeuge kennen, mit denen man seinen Darstellungen im Verständnis näher kommen kann.

Merkwürdigerweise interessiert dies Menschen aus allen möglichen Lebensfeldern. Oft ist es aber auch so, dass viele ihr philosophisches Interesse selbst noch nicht kennen gelernt haben, wenn sie ihr Weg ins Studienjahr führt. Auch muss man sagen, dass ja der erübte Grad der Bewusstheit auch in allen künstlerischen Betätigungen, im Malen, Eurythmie und Schauspiel, ständig verlangt wird und sich Synergieeffekte zwischen allen Betätigungen ergeben, zumal sie ihre gemeinsame Wurzel in der Anthroposophie haben. Von denen, die sich darauf eingelassen haben - und es waren die unterschiedlichsten Menschen - hat es kaum jemand bereut. Nicht einmal die, welche sich inhaltlich nicht zur Geisteswissenschaft stellen konnten. Alle erleben es als Bereicherung ihres seelischen Vermögens.

18 Jahre sind eine lange Zeit. Wie siehst Du Dein ursprüngliches Anliegen im Hinblick auf die heutigen Verhältnisse und in wie weit haben sich die Bedürfnisse der jungen Menschen seither geändert?

Heute steht das Persönliche und Individuelle, damals stand das Gemeinschaftinteresse mehr im Vordergrund. Echte Gemeinschaft hängt aber mit der immer weiteren Ausbildung der Persönlichkeit zusammen. Insofern ergänzen sich die Zeitsituationen und der Wechsel, der mit dem Coconing, dem Einspinnen in die individuellen Bedürfnislagen usw., einherging, hat geklärt, worauf man bei der Gemeinschaftsbildung zu achten hat. Die Sentiments sind weggefallen und man würde auf Wesentlicheres achten. Bei der bald einsetzenden Umkehrbewegung wird eine vergleichbare Läuterung des Individuellen und Persönlichen sich abzeichnen. Spannend ist, welche individuellen Ausgangspunkte die heutigen Teilnehmer unter der Decke der allgemeinen Zeitströmung ins Seminar mitbringen. Da kann man kaum Allgemeines sagen. Der Wiederverkörperungsaspekt wird aber deutlicher. Das Bewusstsein dazu ist lebendiger und nicht mehr so tief unter der Oberfläche verborgen wie damals, aber noch genauso wenig ohne gemeinsame Arbeit zur Selbsterfassung bereit.

Das intensive Studium der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners scheint gegenwärtig etwas aus der Mode zu kommen. Welchen Wert siehst Du in der Auseinandersetzung mit den Schriften Rudolf Steiners im Hinblick auf eine esoterische Schulung, und welchen methodischen Rat würdest Du einem darin Ungeübten gern mit auf den Weg geben?


Unser Lehrer Herbert Witzenmann hat in den letzten Jahren seines Lebens (von 1985 bis 1988) immer wieder darauf aufmerksam gemacht, dass die Gegenkräfte aufstrebender Entwicklung viele Register zu ziehen in der Lage sind. So gehörten zu ihrem Instrumentarium auch, worauf selbst schon Rudolf Steiner aufmerksam machte, Hunger und soziales Chaos. Mit ein bisschen innerer Beweglichkeit kann man so etwas heute als allgemeines Ablenkungsmanöver entdecken. Die Kräfte, welche gerade auf junge Menschen einstürmen, sind solcherart, dass sie den Lebensanschluss nicht verlieren sollen und dass ihre Selbstentwicklung all den anderen Notwendigkeiten gegenüber zweitrangig ist. Mit der Selbsterfassung oder Selbstorientierung im Geistigen, wenn man diese versäumt, versäumt man aber gerade sich selbst. Rudolf Steiners Schriften, auch die weiterführenden, wie z.B. die „Geheimwissenschaft im Umriß“, sind aber so gehalten, dass sie sich nur zu erschließen beginnen, wo man ihnen einen Aufmerksamkeitsraum im eigenen Inneren öffnen kann. Dem steht heute die mächtige Zeittendenz entgegen. Aber das Ganze ist nur ein genialer Trug, und wenn das Spiel vorbei ist und wenigstens einige erwachen, werden sie sich mit leeren Händen vorfinden.

Ich danke Dir für das Gespräch!



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